Blaulichtfamilie trainiert mit „Einsatzklar 2026“ in Weinheim den Katastrophenfall - Kreisverband Mannheim e.V.
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Blaulichtfamilie trainiert mit „Einsatzklar 2026“ in Weinheim den Katastrophenfall

Immer mehr Patienten brachten die Trupps unter schwerem Atemschutz aus dem Gebäude. Jede Einsatzkraft war jetzt wichtig, um die Versorgung schnellstmöglich sicherzustellen. Manche der insgesamt 40 Verletzten benötigten sofortige lebensrettende Sofortmaßnahmen. Solch eine dynamische Lage forderte von den Helfern alles ab und vor allem galt es, stets den Überblick zu bewahren. Der DRK-Kreisverband Mannheim e.V. und die Untere Katastrophenschutzbehörde des Rhein-Neckar-Kreises führte erfolgreich das Kompetenztraining Großschadenslage „Einsatzklar 2026“ durch. Die Besonderheit: Es gab nicht nur eine einzige Großübung, sondern drei Durchgänge. An dem Tag ging es auch um Kommunikation, Betreuung und Transportorganisation.

Stille am Samstagmorgen auf dem Gelände des Werner-Heisenberg-Gymnasiums in Weinheim: Doch das täuschte. Schon kurz nach dem Startschuss herrschte dort reges Treiben, das mit einem normalen Schultag so gar nichts zu tun hat. Blaulichter blinkten, Einsatzfahrzeuge reihten sich aneinander, und rund 150 Einsatzkräfte bereiteten sich auf einen möglichen Ernstfall vor. 
Unter dem Titel „Einsatzklar 2026“ erlebten die Mitwirkenden von Rettungsdienst, Bevölkerungsschutz, Feuerwehr, Unterkreisführungsgruppe und Psychosozialer Notfallversorgung einen besonderen Tag. Es handelte sich allerdings um keine gewöhnliche Großübung, sondern um ein iteratives Lernkonzept. „Einsatz erleben, gezielt auswerten, Strukturen anpassen und unter veränderten Bedingungen erneut anwenden. Damit wird nicht nur sichtbar, was funktioniert oder nicht funktioniert, sondern auch, ob sich Abläufe innerhalb eines Tages weiterentwickeln“, schilderte Kevin Stiller, Leiter der Lehrrettungswache beim Deutschen Roten Kreuz Kreisverband Mannheim. Demnach ging es bei den nachgestellten Szenarios am Werner-Heisenberg-Gymnasium nicht um einzelne medizinische Handgriffe. Es ging vielmehr um das Zusammenspiel des gesamten Systems.

Die erste Übungsrunde startet

Das Kompetenztraining Großschadenslage begann um 8 Uhr, als die Teilnehmer begrüßt wurden und sie organisatorische Hinweise erhielten. Es folgte die erste praktische Runde – in der sogenannten Initialphase geriet ein Reisebus -der Fahrer erlitt einen medizinischen Notfall- in eine wartende Personengruppe vor der Schule. Die Einsatzkräfte mussten sich bei diesem Ereignis auf die Lageerfassung, kommissarische Führung und frühe Raumordnung fokussieren. Ebenfalls nahmen sie sich der Vorsichtung der Verletzten an und richteten erste Kommunikationswege ein. Im weiteren Verlauf schloss sich Runde 2 an („Strukturen stabilisieren“). Hierbei spielte die Übungsleitung das Grundszenario länger aus und Themen wie Patientenablage, Zusammenarbeit von Rettungs- und Sanitätsdienst, Betreuung und Registrierung rückten in den Mittelpunkt. Aber aber die Führungs- und Dokumentationsstrukturen gewannen an Bedeutung. Das vielseitige Kompetenztraining „Einsatzklar 2026“ sollte keine Prüfung einzelner Einsatzkräfte oder Organisationseinheiten darstellen und keine Bewertung der medizinischen Einsatzleistung auf Maßnahmenebene sein. Vielmehr war die Frage wichtig, ob das Gesamtsystem arbeitsfähig ist? Wer führt? Wer weiß was? Wo befinden sich Patienten und Betroffene? Wie werden Ressourcen priorisiert? Und wie funktionieren Übergaben zwischen den beteiligten Bereichen?

40 Verletzte - 50 Betroffene

Nach jedem der insgesamt drei Durchgänge wurden Beobachtungen und Prozessdaten strukturiert ausgewertet. Damit war es möglich, Erkenntnisse aus der Reflexion in der nächsten Runde unmittelbar erneut anwenden zu können. Das Grundszenario stellte die Einsatzkräfte vor eine Lage mit 40 dargestellten Patienten sowie 50 weiteren Betroffenen. Neben der Versorgung verletzter Personen mussten Führungsstrukturen aufgebaut, Einsatzräume geordnet, Betroffene registriert und betreut sowie Transportmittel koordiniert werden“, informierte Stiller. Auch das Mittagessen, und damit die Verpflegung, war ebenfalls Bestandteil des erlebnisreichen Übungstages. Das größte und letzte Szenario beinhaltete eine Verpuffungs-/Explosionslage in dem Schulgebäude. Diese erhöhte die Dynamik und sollte zusätzliche Anforderungen an Feuerwehr, Führung, Betreuung und Transportorganisation unter Beweis stellen – schaffen es die zuvor geschärften Strukturen, unter höherem Druck zu arbeiten? Zunächst löste die Brandmeldeanlage des Objekts in der Friedrichstraße aus und bei Eintreffen der Weinheimer Feuerwehrabteilungen konnten diese einen bestätigten Brand feststellen. Schnell war klar: Es werden dringend weitere Kräfte benötigt.

Rettung aus dem Gebäude

In den Räumlichkeiten im 1. Obergeschoss stellte sich die Lage angespannt dar: In Fluren oder auf Treppen lagen teils schwerverletzte Personen, ein Gebäudetrakt war vollständig verraucht. Die Trupps rüsteten sich mit Atemschutz aus und begaben sich zur Menschenrettung und Brandbekämpfung in den großen, verwinkelten Schulkomplex. Der erst eingetroffene Regelrettungsdienst übernahm bereits die erste Versorgung der aus dem Gefahrenbereich geretteten Schülern und Lehrern – die weiteren anrückenden Rettungskräfte wurden zudem eingewiesen.

Sichtung, Versorgung und Transport

Im direkten Anschluss an die Rettung aus dem verrauchten Gebäudetrakt übernahm die strukturierte Sichtung (Triage) eine zentrale Rolle im Behandlungsablauf. Mithilfe von Sichtungskarten und standardisierten Kategorien beurteilten Notärzte und qualifizierte Rettungskräfte auf dem Schulhof im Minutentakt den Zustand der Verletzten, um akute Lebensgefahren sofort zu erkennen und Prioritäten für die weitere medizinische Versorgung festzulegen. Während schwerverletzte Patienten der Kategorie Rot umgehend intensivmedizinisch betreut wurden, erfolgte die Zuweisung der übrigen Verletzten und Betroffenen in die entsprechenden Behandlungs- und Betreuungsbereiche der Kategorien Gelb und Grün. Weitere Unterstützung an der Einsatzstelle kam im Verlauf von den ebenfalls alarmierten Einsatzeinheit, als eine taktische Einheit des Bevölkerungsschutzes. Umfangreiches Versorgungsmaterial und Tragen wurden durch die Kräfte vor Ort bereitgestellt. Auch der Transport in die Zielkliniken, je nach Verletzungen, war eines der Schwerpunkte.
Gefühlt überall gleichzeitig musste auch der Organisatorische Leiter Rettungsdienst sein, welcher für die organisatorisch-taktische Führung des Einsatzes des Rettungsdienstes verantwortlich war. Der Leitende Notarzt übernahm bei dieser großen Schadenslage die ärztliche Führungsfunktion.

Große Bandbreite an Verletzungen

Das realitätsnahe Schadensbild spiegelte sich in den Verletzungsmustern wider, die die Notfalldarstellung an den 40 Patienten präparierte. Das Spektrum reichte von stark blutenden Wunden und Frakturen über thermische Verletzungen durch die Brand- und Verpuffungsentwicklung bis hin zu Rauchgasintoxikationen, Schockzuständen und akuten internistischen Notfällen. Die Verletzungen verlangte den Einsatzkräften bei der Erkennung und Priorisierung ein Höchstmaß an medizinischem Fachwissen und genauer Beobachtung ab. Aber selbst solch eine MANV-Lage (Massenanfall von Verletzten) arbeiteten die Retter routiniert ab.
Die Haupt- und Ehrenamtlichen der Blaulichtfamilie waren gefühlt überall gleichzeitig gefordert, während die Hilferufe und Schreie der Verletzten die realitätsnahe Atmosphäre des Szenarios prägten. Zwischen den Rettungsmitteln und den improvisierten Behandlungsplätzen musste jeder Handgriff sitzen, um in dem akustischen und organisatorischen Ausnahmezustand den Überblick zu behalten und die Versorgung der Patienten konsequent voranzutreiben. Beteiligt an „Einsatzklar 2026“ waren hauptamtliche DRK-Einsatzkräfte des Rettungsdienstes und rettungsdienstliche Führungsfunktionen, Einsatzeinheiten des Bevölkerungsschutzes mit dem Sanitäts- und Betreuungsdienst sowie Führungskomponenten, die Feuerwehr Weinheim, die Unterkreisführungsgruppe Weinheim, der Führungsstab des Rhein-Neckar-Kreises, die Psychosoziale Notfallversorgung (PSNY) sowie Notfalldarstellung und Betroffenendarstellung. Ein Dank richtete das DRK auch Kevin Stiller und Joachim Vosloh, die die Projektleitung inne hielten.

Direktes Feedback erhalten

Während die einzelnen Szenarien auf Hochtouren liefen, dokumentierten die Übungsbeobachter konkrete Handlungen sowie Zeitpunkte und erkennbare Auswirkungen auf den Einsatzablauf. Persönliche Zuschreibungen oder pauschale Bewertungen seien ausdrücklich nicht Teil der Auswertung gewesen. Nach jedem Durchlauf waren auch die beteiligten Einsatzkräfte dazu aufgerufen, ihr Feedback einzubringen und ihre Sicht der Dinge mit allen Helfern zu teilen. Wichtig war auch zu schauen, ob die Übergaben zwischen Rettungsdienstes, Sanitätsdienst, Betreuung und Führung erfolgreich waren oder auch, ob Informationen die zuständigen Stellen erreichen. 
Das Ziel war es, ein belastbares gemeinsames Systemverständnis herzustellen. Denn am Ende geht es bei Großübungen immer darum, Abläufe zu optimieren und Zusammenarbeit zu trainieren, um im Ernstfall Leben zu retten. 
„Einsatzklar 2026“ zeigte eindrücklich, dass ohne die vielen haupt- und ehrenamtlichen Einsatzkräfte solche Einsatzlagen gar nicht zu bewältigen wären. Solch ein Engagement für die Gesellschaft ist nicht selbstverständlich und erfordert regelmäßiges Training.

(Bilder und Text: Daniel Klier, FW MRN)