Um Rene Lätsch herum wird es immer leerer. Erst stehen rund 25 Männer und Frauen neben ihm. Einer nach dem anderen geht. Es bleiben acht - zu wenig, viel zu wenig. Aber die anderen müssen arbeiten, dürfen nicht einmal Urlaub nehmen, um das zu machen, wofür sie alarmiert worden sind: Als ehrenamtliche Mitglieder einer Einsatzeinheit des Roten Kreuzes, deren Zugführer Rene Lätsch ist, sich um Verletzte oder Evakuierte nach einem großen Wohnungsbrand kümmern. So drastisch macht das Deutsche Rote Kreuz (DRK) bei seinem Neujahrsempfang in der Schlosskirche deutlich, woran es beim Bevölkerungsschutz hakt.
„Es ist eine Szene, die wir im Schnitt einmal im Monat erleben", sagt Christiane Hammoudi, DRK-Kreisgeschäftsführerin, zu dem Problem des Helfermangels. Und Tobias Locher, der DRK-Präsident, nennt den Grund. Geht bei Mitgliedern des THW oder einer Freiwilligen Feuerwehr der Piepser, muss der Arbeitgeber sie freistellen. „Unsere Ehrenamtlichen müssen den Arbeitgeber
erst um Erlaubnis bitten, ob sie wegdürfen vom Arbeitsplatz", so Locher. Sie müssten Urlaub nehmen und bekämen den teilweise dann nicht einmal bewilligt. „Hilfsorganisationen müssen
Feuerwehr und THW gleichgestellt werden“, fordert der Präsident. Dabei äußerte sich Locher verwundert, dass es „gerade in einem wirtschaftsstarken Bundesland" hier keine bessere Regelung gelte. „Andere Bundesländer sind da weiter", beklagte er. Es gebe Menschen, die verlässlich bereit seien, im Notfall zu helfen, „auch dann, wenn es anstrengend wird", so Locher, aber man brauche dafür die passende Ausstattung und mehr Wertschätzung für das Ehrenamt, forderte er.
Denn das Rückgrat des Bevölkerungsschutzes stelle nach wie vor das Ehrenamt dar. Beim Stromausfall in Berlin seien die Notunterkünfte von Ehrenamtlichen betrieben worden, erklärte Ulrike Würth, Vizepräsidentin des DRK-Bundesverbandes. Bundesweit gebe es allein beim DRK 400.000 Ehrenamtliche. „Ohne Ehrenamtliche wäre Deutschland ein anderes Land", so Würth. Sie seien „ein wichtiger Grundpfeiler". Allerdings fehlten Spender, um deren Ausbildung und Ausrüstung zu bezahlen, da die staatlichen Zuschüsse dafür nicht reichten. So sei mal die Aufstellung von zehn bundesweiten Einheiten zugesagt worden, um in Notfällen die Bevölkerung mit Strom, Wasser und Schlafplätzen ausstatten zu können, „eineinhalb wurden realisiert", kritisierte Würth. Sie plädierte dafür, mehr in Vorsorge zu investieren.
Mehr Anerkennung für Ehrenamtliche forderte ebenso Nablia Mutz, Referatsleiterin Bevölkerungsschutz & Krisenmanagement beim DRK Baden-Württemberg. Immerhin stelle das DRK als
Teil der größten humanitären Bewegung der Welt im Bundesland 93 von 121 Einsatzeinheiten des Bevölkerungsschutzes komplett, 93 zusammen mit anderen Hilfsorganisationen. Das neue
Landeskatastrophenschutzgesetz werde zwar einige Verbesserungen bringen, etwa eine Erhöhung des Landeszuschusses pro Helfer und Jahr von 130 auf 180 Euro für Ausbildung und Ausstattung sowie eine Erhöhung der Fahrzeugpauschale, und auch mehr Bundesmittel sollten fließen. Doch noch reiche dies nicht, um etwa alle veralteten Fahrzeuge zu ersetzen und sicher unterzubringen. Das DRK sei Teil der kritischen Infrastruktur und müsse mehr unterstützt werden, um sich resilient und autark aufzustellen.
950 Helfer stehen bereit - aber tagsüber ist es schwer
Christiane Hammoudi kündigte an, der Kreisverband werde auch seine Vorräte aufstocken und künftig Kurse für Pflegehelfer anbieten, die im Ernstfall Fachpersonal entlasten könnten - wie
früher DRK-Schwesternhelferinnen. Zudem habe man eine Gruppe für über 60-Jährige eingerichtet, die nicht mehr aktiv in den Sanitätsbereitschaften sein könnten. „Auch diese Menschen werden eine Rolle spielen, wenn der Fall kommt, dass wir viele Einsatzkräfte brauchen“, so Hammoudi.
Im DRK-Kreisverband Mannheim, der außer der Stadt auch die Gemeinden des alten Landkreises Mannheim umfasst, sind in 25 DRK-Ortsvereinen rund 950 Ehrenamtliche im Katastrophen- und Bevölkerungsschutz aktiv. Diese Zahl nennt Michael Sauer, als Rotkreuzbeauftragter für den Bevölkerungsschutz zuständig. Das Rote Kreuz stelle für die Stadt zwei Einsatzeinheiten und eine weitere mit den Maltesern, für das Umland zwei weitere Einsatzeinheiten. Personal und Fahrzeuge für den Sanitätsdienst und den Verletztentransport seien „fast komplett", da sei man „gut aufgestellt". Nach den Erfahrungen von der Flutkatastrophe im Ahrtal habe das DRK selbst einen Krankentransportwagen beschafft, der auch auf überfluteten Straßen fahren kann.
Nachholbedarf gebe es im Bereich Betreuung (etwa von evakuierten Personen). „Wir bauen langsam wieder auf“, so Sauer. „Der Bund hat sich halt viele Jahre völlig zurückgezogen - aber
man hat erkannt, dass man etwas tun muss", erklärte er. So habe man in Baden-Württemberg bis Ende des Kalten Krieges Einheiten zur Versorgung von 100.000 Menschen gehabt, jetzt noch
für 10.000. Tagsüber Helfer von Arbeitsplatz weg zu alarmieren, sei „ein Kraftakt".
Die Stadt unterstütze den Vorstoß auf Landesebene, die DRK-Helfer gleichzustellen, erklärte Gesundheitsbürgermeister Dirk Grunert. Er dankte den DRK-Helfern für „gelebte Solidarität": „Es ist ein Engagement, das selbstverständlich wirkt, aber es überhaupt nicht ist", so Grunert.
© Quelle Mannheimer Morgen von Peter Ragge.
Mehr Fotos findet man auf der Facebook-Seite des DRK-Kreisverbandes Mannheim
